schokolade und koffein

Rinderwahn

15. Januar 2001

Seit fast zehn Jahren esse ich kein Fleisch mehr.

Es war eine Entscheidung aus Moral und aus Achtung vor der Tierwelt. Ich habe diesen Entschluß für mich ganz alleine gefaßt, seine Reichweite bezieht sich lediglich auf meine Person und beschränkt niemanden sonst. Ich werf niemandem das Steak vom Teller und schimpfe ihn Rohling — lediglich, wenn mir jemand ein Leberkäsebrötchen direkt unter die Nase hält, um meinen Appetit auf Fleisch zu überprüfen, oder wenn mich wer in eine Metzgerei zwingt, so muß ich den heiteren Schelm bitten, von seinem Tun abzusehen, da mir übel sonst würde.

Hier und nicht vorher ist das Ende meiner Toleranz.
Das scheinen jedoch einige Zeitgenossen nicht ganz begriffen zu haben.

Mit meiner Ernährungsweise gehe ich nicht hausieren. Ich schwenke kein Fähnchen, auf dem steht: "Haha! Ich bin Vegetarier und besserer Mensch, weil nämlich, ihr seid alle Massenmörder!". Ich erzähle auch keine herzrührerischen Geschichten von hinterrücks gemeuchelten Schweinen und fies niedergestreckten Kälbern im Schlachthof, während mein Gegenüber in sein Salamibrot beißt. Ich will niemanden bekehren.

Doch ab und an kommt es doch vor, daß man seiner Umwelt die eigenen Eßgewohnheiten nahebringen muß, wenn man etwa zum Essen eingeladen wird und die Enttäuschung des Kochs vermeiden will, der sicher in stundenlanger Arbeit einen superleckeren Sauerbraten zubereitet hat und einen dann ganz traurig und mitleidig ansieht, wenn man vor dem angerichteten Teller sitzt und sagen muß: "Tut mir leid, ich esse kein Fleisch..."
Er wird dann zwar seiner gastgeberischen Pflicht nachkommen, vor Bedauern zerfließen und schnell noch etwas Fleischfreies für den Gast mit dem seltsamen Gebaren zaubern.
Doch bei sich im stillen Kämmerlein wird er eine bitterböse Grimasse schneiden und denken: "Die dumme Kuh, das hätte sie mir auch vorher sagen können, dann hätte ich ihr gleich den BoFrost-Broccoliauflauf in den Ofen geschoben, und wir hätten wegen ihr nicht mit dem Essen warten müssen!"

Es liegt mir fern, meine Umwelt bei derartigen Gelegenheiten in Peinlichkeiten zu bringen, daher sage ich artig, bereits wenn die Einladung ausgesprochen wird, daß ich kein Fleisch esse. Doch sobald ich dieses Geständnis über meine Lippen gezwängt habe, kommt nicht die von mir gewünschte Reaktion wie "Gut, daß du mir das sagst! Ich hab da ein Rezept für Rucola-Zucchini-Auflauf, den wollte ich schon lange mal ausprobieren. Mach Dir keine Gedanken, du kriegst bei mir schon etwas zu essen und mußt nicht vor Hunger darben."
Nein, statt sich der Planung der Speisenabfolge still im Geiste zu widmen und dankbar über die von mir überbrachte Information zu sein, beginnen metaphysische und tief psychologische Betrachtungen, die ich dann kommentieren soll.

Da ich ja nun schon einige Zeit Vegetarierin bin, desöfteren vor obigem Outing-Zwang stand und über Erfahrung mit den Reaktionen verfüge, kann ich diese nach langjähriger Forschung nun in fünf Gruppen einteilen:

 

a) Der Proteinjunkie

Jener Typus ist mir am allerliebsten.
Er kommentiert mein Geständnis mit: "Kein Fleisch?! Auch keine Wurst??? Und Steak?!?!" ...[denkt kurz nach]..."Neee, des könnt ich nedd. Weißt, wenn ich so auf´m Bau arbeite, da brauch ich des Fleisch. Da sinn ja Proteine drin, die machen Kraft!" ...[überlegt nochmal kurz] ... "Wenn ich jetz so im Büro wär und nedd so körperlich arbeiten müsst, na dann vielleicht ... aber mir schmeckt´s halt immer zu gut, deswegen wär des nix für mich..."

Hier deutet sich eine friedliche Koexistenz an: Der Angesprochene reflektiert kurz, ob er mein Verhalten übernehmen könnte, lehnt dies ab und läßt mich aber auch meine Ernährung so gestalten, wie ich es möchte.

 

b) Die Interessierte

Auch noch ganz erträglich. Sie (meist sind es Frauen) freut sich, endlich wen gefunden zu haben, die kein Fleisch ißt und bestürmt mich mit Fragen, weil sie schon selbst mit dem Gedanken gespielt hat, Fleisch vom Speiseplan zu streichen und sich auch schon ein wenig kundig gemacht hat:

"Was? Du ißt kein Fleisch?! Super! Will ich auch schon lange machen! Bist du dann ovo-lacto? Oder vegan? Nein, Eier ißt du schon, oder? Und Milchprodukte auch, nä? Weil, ohne Ei und Milch, das wär mir ja zu hart. Das könnt ich nicht. Soll ja auch so schädlich sein, wegen Mangelernährung und so. Aber mit Eiern und Milch dazu kann nichts passieren, oder? Ich mach mir nicht so viel aus Wurst und Fleisch, das könnt ich auch gleich weglassen. Was kocht man denn dann so, ganz ohne Fleisch? Der Körper kriegt da echt alles, was er braucht?...."

Wenn ich ihr dann erzähle, daß ich alle Jahre ein Blutbild machen lasse und das schwer ok ist, wenn ich ihr noch ein paar Rezepte mitgebe, wie etwa für vegetarisches Chili, Aufläufe oder Nudelsaucen, dann ist sie glücklich und zufrieden.
Mit etwas Glück kocht sie sogar für die ganze Meute, die zur Einladung kommen wird, was Fleischloses.

 

c) Die Erfahrene

Ein mittelschwerer Fall. Sie oder er hat selbst Erfahrung, wie es ist, Vegetarier zu sein, hat aber aufgehört damit, aus welchen Gründen auch immer. Und das birgt Konfliktpotential, denn ich habe "durchgehalten" (wobei ich mein Vegetariersein nicht als "Durchhalten" begreife — ich hab mir damit nie was verkniffen, was ich gern gehabt hätte), sie/er hat es nicht "geschafft". Das nagt an ihrem/seinem Gewissen und macht Rechtfertigungsdruck. Es ist ein wenig wie bei Typus e, denn auch die/der Erfahrene hechelt mitunter nach Absolution, läßt sich die aber leichter erteilen als Typus e:

"Echt, Du ißt kein Fleisch? Seit wann?!"
"Knapp zehn Jahre ..."
"Wow! So lange durchgehalten! Ich hab´s ja auch mal probiert vor ein paar Jahren. Aber nach nem halben Jahr hab ich dann doch wieder Fleisch gegessen."

Nun folgen Begründungen und Rechtfertigungen, das könnten in etwa sein:
— Mama macht halt immer so leckeren Schweinebraten, und den hab ich echt vermißt.
— Mein Mann mag so gern Fleisch auf´m Teller haben, und für uns beide zwei verschiedene Sachen kochen, ist doch mit der Zeit recht aufwendig ...
— Ich war mit Bekannten bei McDo, weil wir da immer nach dem Kino hingehen, da kann ich dann auch nicht sagen, ich geh da nicht mit. Und da wollte ich das eine Mal unbedingt nen Burger, ich hab es echt nicht mehr ausgehalten....

In den meisten Fällen ist es damit getan, daß ich etwas in der Richtung sage wie: "Ist doch okay, wenn es dir schmeckt." oder "Iß ruhig Fleisch, ich will dich doch nicht bekehren." oder "He, mich stört es nicht, daß du Fleisch ist, kann doch jeder essen, was er möchte!" oder "Das paßt schon, ich wollte dir nur Bescheid sagen wegen dem Essen übermorgen."

Nach einem oder mehreren dieser Sätze läßt sich das Gespräch dann in andere Bahnen lenken.
Wenn nicht, muß ich mein Gegenüber schweren Herzens Typus e zuordnen und mich noch länger rumärgern.

 

d) Der Schuldzuweiser

Dieser Typus ißt Fleisch, scheint damit aber ein Problem zu haben, da er anfängt, meinen Lebensstil als unzulänglich zu kritisieren. Dabei bedient er sich einer wunderbaren globalen Betrachtungsweise, die auf die Quintessenz rausläuft: "Die Welt kannst du eh nicht verbessern, also kannst du gleich weiter Fleisch essen."

Das Ganze geht so vonstatten:

"Na, wenn du Eier und Milch auch ißt, dann müssen ja trotzdem Tiere für dich leiden. Was wird denn aus den ganzen Eierlege-Hühnern und Milchgebe-Kühen, hä? Wenn die niemand aufessen würde, dann gäb es ja total viel Tierkadaver. Wo sollen die denn hin?! Wie stellst du dir denn das vor?
Und überhaupt — deine Schuhe sind ja auch aus Leder! Und aus den toten Tieren wird Seife gemacht. Damit du dich waschen kannst, müssen Tiere sterben.
Also bist gar nicht so öko, wie du tust.
Der Mensch hat sich schon immer von Fleisch ernährt, da kannst nichts dran ändern.
(nicht gesagt, aber gedacht: "Zick nicht so rum und stell dich nicht so an — Rein mit dem Schweinebraten!")

Solche Abhandlungen läßt man einfach mit einem "Wär trotzdem schön, wenn es was ohne Fleisch für mich am Sonntag gibt..." an sich abprallen.
Oder man greift zu härteren Geschützen wie: "Ich muß am Sonntag nicht unbedingt mit, wenn es für euch Umstände mit dem Kochen macht..." Dieser Satz ist nicht deshalb gesprochen worden, um ein pflichtschuldiges "Nene, es gibt schon was zu Essen für dich — natürlich kannst du mitkommen!" zu entlocken.

Viel lieber wär mir ein "Tut mir leid, aber vegetarisches Spanferkel gibt es nunmal nicht!" Dann könnte ich einfach daheimbleiben, statt mich im Fleischdunst zu suhlen und mir weitere Ausführungen der obigen Art antun zu müssen.

 

e) Die Absolutionshechlerin

Hierunter verbirgt sich der schlimmste und leider auch der häufigste Typus. Man möchte lediglich einen kleinen Tipp geben, damit die nächste Einladung zum Essen nicht im Desaster endet und hat hiermit ein etwa dreistündiges Gespräch über Ernährung und Moral an sich und im Besonderen am Hals.

Der Dialog beginnt etwa so:

"Wegen dem Essen am Freitag nochmal: Ich eß kein Fleisch. Ist das ein Problem?"
"Was? Du bist Vegetarierin? Also, das finde ich ja ganz toll! Und schon so lange? Das ist ja total gesund, liest man immer."
[Wenn die Frau — meistens sind es Frauen, die zum Typus e gehören — erfahren würde, daß ich mich oft nur von Pudding und Tiefkühlpizza ernähre, fällt sie sicher tot um vor Entsetzen]

Und dann kommt das Unvermeidliche, das Hecheln nach Absolution:

"Also, wir essen ja auch nur ganz wenig Fleisch.
So wie manche Leute das machen, mit 5mal die Woche Fleisch, nein, das wär nichts für mich.
Wir essen ja auch nur ganz wenig Fleisch, und wenn, dann nur ganz mager, oder am liebsten noch Pute und Hühnchen. Das soll ja viel gesünder sein. Mit dem Schweinefleisch, das ist ja so schlecht fürs Herz, und das Rindfleisch, da weiß man ja nun bald gar nicht mehr, was man glauben soll. Vergiften will man sich ja nun nicht.
Aber wir essen ja kaum Fleisch. Und dann das mit der Massentierhaltung, das ist ja so verantwortungslos! Der Mensch ist das schlimmste Schwein, sag ich immer. Nein, man traut sich ja schon gar nicht mehr, Fleisch zu essen.
Aber wir essen ja nur ganz wenig Fleisch, und wenn, dann Pute."

So geht das dann immer weiter. Alle Aspekte werden beleuchtet, Massentierhaltung, BSE, Herzverfettung, Gicht, Schweinepest, daß es nach dem Krieg ja auch ohne Fleisch ging usw.
Zwischendrin schleicht sich immer wieder einmal der Gedanke ein, wie toll es doch wäre, Vegetarier zu sein, denn dann hat man mit dem Zeugs nix am Hut resp. ist nicht schuld dran.
Darauf folgt die Eingebung: Huch — die ist Vegetarierin, ich aber nicht. Die ist ein besserer Mensch. Aber so ganz schlechte Menschen sind wir auch nicht, denn wir essen ja nur ganz wenig Fleisch, und wenn, dann Pute oder Hühnchen.

Das führt zum Erbetteln der Absolution, die ich dann erteilen soll, als heiliger Pflanzenfresser.

Aber eigentlich wollte ich doch nur wegen dem Essen, am Freitag ...

Jungs und Mädels, ich hab das satt.
Ich esse kein Fleisch, ihr schon.
Das ist alles.

Können wir diesen Sachverhalt nicht ganz ohne Debatten einfach nur hinnehmen?

Texte Übersicht